The BOLD Journal





Eva Green im Gespräch


Wenn im Kino von geheimnisvollen, erotischen und vielleicht sogar gefährlichen Frauen erzählt wird, dann ist Eva Green meistens nicht weit. Ob als Bondgirl oder in den Filmen von Tim Burton, als Serienheldin in „Penny Dreadful“ oder in kleinen Independent-Produktionen – die Französin ist immer zur Stelle, wenn eine Femme fatale gefragt ist. Roman Polanskis Romanverfilmung „Nach einer wahren Geschichte“, in der sie es mit Emmanuelle Seigner zu tun bekommt, ist da keine Ausnahme.

Das Image der undurchschaubaren Verführerin haftet Eva Green schon seit ihrem allerersten Film an. Mit Anfang 20 entdeckte der legendäre italienische Regisseur Bernardo Bertolucci die Tochter einer französischen Schauspielerin und eines schwedischen Zahnarztes, die in London und New York studierte und zunächst in Paris Theater spielte, für seinen Film „Die Träumer“. Ein französisches Zwillingspaar und ein amerikanischer Austauschstudent diskutieren über Filme und lümmeln bevorzugt nackt in ihrer Wohnung herum, während draußen vorm Fenster die Studentenrevolte von 1968 beginnt – das war genau der Stoff, um eine unbekannte Darstellerin über Nacht zum intellektuellen Sexsymbol für all diejenigen zu machen, die eher auf mysteriös und ein wenig düster stehen als auf blonde Hollywood-Barbies.

Die Traumfabrik klopfte dann natürlich trotzdem bald bei Green an. Für Ridley Scott stand sie neben Orlando Bloom in Ridley Scotts historisch-epochalem Abenteuerfilm „Königreich der Himmel“ vor der Kamera, in dem sie als Königsschwester eine verbotene Liebschaft mit dem jungen Helden beginnt. Kein Film, an den man sich heute noch groß erinnern würde, außer vielleicht an Greens dunkles Augen-Make-up, das seither zu einer Art Markenzeichen wurde. Gleich mit der nächsten Rolle allerdings wurde die Nichte des österreichischen Kameramanns Christian Berger (der regelmäßig mit Michael Haneke dreht) dann allerdings endgültig zum Star: Nur wenige Tage vor Drehbeginn wurde sie als Vesper Lynd in „Casino Royale“ besetzt – und trug an der Seite von Daniel Craig entschieden dazu bei, eine ganz neue James Bond-Ära einzuläuten. Nicht wenigen Fans gilt die Figur als faszinierendstes Bond-Girl aller Zeiten. Kein Wunder, dass 007 auch drei Filme später noch nicht über sie hinweggekommen ist.

Im Mainstream-Kino, so gibt Green zu Protokoll, gab es danach – von einem Auftritt als Hexenkönigin in „Der Goldene Kompass“ abgesehen – für sie erst einmal nichts mehr zu holen: „Alles, was mir angeboten wurde, waren langweilige Rollen als verführerische Schönheit.“ Stattdessen kehrte sie nach Europa zurück und drehte unter anderem abgründige Science Fiction-Dramen wie „Perfect Sense“ mit Ewan McGregor oder „Womb“ (gedreht auf Sylt und in Sankt Peter-Ording). Nur in ihrer französischen Heimat fasste sie erst einmal nicht mehr wirklich Fuß: „Scheinbar haben meine Landsleute das Gefühl, ich sei bewusst aus Frankreich geflüchtet und würde dort gar nicht arbeiten wollen. Dabei ist wirklich das Gegenteil der Fall. Schon allein, weil Französisch meine Muttersprache ist und mir eigentlich leichter fällt als Englisch.“

Nach zwei Nebenrollen in Tim Burtons Filmen „Dark Shadows“ und „Die Insel der besonderen Kinder“, zwei Staffeln der Horrorserie „Penny Dreadful“ (die ihr eine Nominierung für den Golden Globe einbrachte) und jeder Menge Sex und Action in „Sin City 2: A Dame to Kill For“ oder „300: Rise of an Empire“ hat es nun aber doch noch geklappt mit der Rückkehr ins französische Kino. Auf Anraten seiner Frau Emmanuelle Seigner besetzte Roman Polanski Green in seinem neuen Thriller „Nach einer wahren Geschichte“, zu dessen Weltpremiere wir die Schauspielerin beim Filmfestival in Cannes interviewten. Darin darf die 37-jährige ganz ihrem Image entsprechend mal wieder das machen, wofür sie berühmt geworden ist: ihr Gegenüber um den Verstand bringen, ohne sich dabei auch nur im Geringsten in die Karten gucken zu lassen.

In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Delphine de Vigan erzählt Polanski von einer erfolgreichen Schriftstellerin gleichen Namens (Seigner), die nach dem Erfolg ihres autobiografischen Enthüllungsbuches in eine Schaffenskrise gerät. Das scheint sich zu ändern, als sie die Bekanntschaft der mysteriösen Elle (Green) macht. Allerdings drängt die sich schnell unerwartet forsch in Delphines Leben. Dass diese Frauenfreundschaft zwischen Stalking und Doppelgängertum abwechselnd ins Erotische und Bedrohliche kippt, versteht sich von selbst.

So überzeugend Green auch in „Nach einer wahren Geschichte“ wieder die alles andere als harmlose Schönheit verkörpert: Die Zeiten, in denen sie sogar in Interviews damit kokettierte, sich privat für ausgestopfte Tiere, Totenschädel und Insekten zu interessieren, sind lange vorbei. Auch als Schauspielerin will sie sich künftig von einer anderen Seite präsentieren. In „Euphoria“ spielt sie in einer hochdramatischen Geschichte die Schwester von Alicia Vikander, und in Tim Burtons Version des Disney-Klassikers „Dumbo“, die 2019 ins Kino kommen wird, gibt sie sich kinderfreundlich wie nie. Und aktuell steht sie – zusammen mit Lars Eidinger – für den Film „Proxima“ sogar als Astronautin vor der Kamera.

Miss Green, was brauchte es, um Sie für „Nach einer wahren Geschichte“ endlich einmal wieder zurück nach Frankreich zu holen?

Zu einem großen Teil ist das natürlich Roman Polanski zu verdanken. Er ist einfach eine Ikone unter den Regisseuren, das reizte mich als Schauspielerin. Die Geschichte dieser obsessiven Frauenbeziehung fand ich allerdings auch höchst interessant – und sehr Polanski-typisch. Und vor allem hatte ich große Lust, in diese seltsame, schwer ergründbare Realität meiner Figur abzutauchen.

Macht es für Sie eigentlich einen Unterschied, ob Sie auf Englisch oder auf Französisch drehen?

Interessanterweise fühlt es sich tatsächlich ein bisschen anders an. Fast ist es so, als würden unterschiedliche Seiten meiner Persönlichkeit zutage treten, je nachdem, welche Sprache ich spreche. Das hört man schon an meiner Stimme: Auf Englisch ist die ohne Frage ein bisschen dunkler und tiefer.

Sie gelten ja schon lange als eine der taffsten Frauen, die es auf der Leinwand dieser Tage zu sehen gibt. Wie kam es eigentlich dazu?

Ich hatte mir am Anfang meiner Karriere nicht vorgenommen, Actionheldin zu werden. Aber als Schauspieler ergreift man die Gelegenheiten beim Schopf, die sich bieten. Also, anders gesagt: Es hat sich halt so ergeben. Wobei ich auch zugeben muss, dass es sehr viel Spaß macht, starke Frauen zu spielen.

Haben Sie nicht manchmal die Befürchtung, dass Sie da auf einen bestimmten Typ Frau festgelegt sind und man Ihnen gar nichts anderes mehr zutraut?

Diese Gefahr sehe ich natürlich, da mache ich mir nichts vor. Wir wissen ja alle, wie die Filmbranche funktio-niert: Ehe man sich versieht, steckt man in irgendeiner Schublade und kommt da nicht mehr raus. Aber ich tue mein Bestes – und habe auch nicht den Eindruck, dass ich immer wieder das Gleiche spiele. Selbst wenn die Frauen oft hart im Nehmen sind.

Entspricht das Ihrer Persönlichkeit, sind Sie auch so stark und selbstbewusst?

Nein, im Gegenteil. Deswegen fühle ich mich von solchen Rollen wahrscheinlich besonders angezogen. Im wahren Leben bin ich ziemlich schüchtern und nicht annähernd so mutig. Einige der sehr viel verletzlicheren Figuren, die ich auch schon gespielt habe, sind mir viel näher.

Leben Sie in all den Bösewicht- und Femme Fatale-Rollen womöglich eine unterdrückte Seite an sich aus?

Haha, nein, das wäre sicher etwas übertrieben zu behaupten. (lacht) Und viel zu tiefgründig! Ich lasse da einfach nur meine Phantasie ins Spiel kommen. Wem würde es keinen Spaß machen, seinem Gegenüber mal in den Hintern zu treten? Das ist doch befreiend. Und welches Mädchen träumt nicht davon, auch mal die fiese Bitch zu sein, nur für einen kurzen Moment? Ich sehe das alles mit viel Humor und Leichtigkeit.

Wir dachten schon, Ihre Filme seien für Sie ein Therapieersatz …

Wenn ich eine Therapie will, gehe ich zum Psychiater. Vielleicht kann der mir dann auch mal genau erklären, warum ich all diese Rollen wirklich spiele! (lacht)

Sie lernen doch aber sicher ab und zu Männer kennen, die dank Ihrer Filme Angst vor Ihnen haben, oder?

Ach Quatsch … Zumindest habe ich es noch nicht mitbekommen. Eigentlich ist es eher andersherum. Wenn ich neue Leute kennen lerne, sagen die: Wie, das ist alles? Weil sie sich wundern, dass ich gar nicht so fies und dominant bin, wie sie es im Kino gesehen haben.

Stören Sie sich an diesem Image der Femme Fatale, der düsteren Gothic-Diva?

Wenn ich mich daran stören würde, würde ich wahrscheinlich die ganze Zeit nur noch pinke Kleider tragen …

… statt des üblichen Schwarz, in dem man Sie meistens sieht.

Ich mag die Farbe nun einmal sehr. Und Schwarz ist so schön unkompliziert. Da muss ich mir nicht so viele Gedanken machen, das passt immer. Wenn man mir deswegen ein bestimmtes Image anhängt, ist mir das ziemlich egal. Aber wenn es Sie beruhigt: Meine Wohnung ist weder ein Gruselkabinett noch eine Folterkammer. Ich würde vielleicht nicht unbedingt sagen, dass ich vollkommen normal oder unkompliziert bin. Aber ich bin auch nicht durchgeknallter und seltsamer als viele andere Menschen. Und das dunkle Make-up, das ich auf dem roten Teppich gern trage, ist sicherlich nichts anderes als mein Schutzpanzer, hinter dem ich meine Schüchternheit verstecke.

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