The BOLD Journal





Samuel L. Jackson im Gespräch


Samuel L. Jackson ist nicht nur einer der fleißigsten Schauspieler Hollywoods, sondern für viele auch der mit Abstand coolste. Vom Erfolg ganz zu schweigen, schließlich haben seine Filme zusammengenommen bislang fast fünf Milliarden Dollar eingespielt. Nach „xXx – Die Rückkehr des Xander Cage“ und „Kong: Skull Island“ ist „The Killer’s Bodyguard“ schon Jacksons dritter Film in 2017 – und für den 68-jährigen die perfekte Gelegenheit, sein Image als cooler Fiesling mal wieder aufs Korn zu nehmen.

„King of Cool“ ist eine der Bezeichnungen, die am häufigsten fallen, wenn die Sprache auf Samuel L. Jackson kommt. „Spätstarter“ wäre allerdings genauso zutreffend. Denn der große Durchbruch als Schauspieler ließ für den Amerikaner, der als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee aufwuchs, mehrere Jahrzehnte auf sich warten. Dabei entdeckte er sein Interesse für den Beruf als Schauspieler durchaus früh: Noch während seines Bachelor-Studiums in Atlanta wechselte er sein Hauptfach von Meeresbiologie zu Schauspiel, nachdem er am College auf eineTheatergruppe gestoßen war.

Viel hätte aber nicht gefehlt, und aus Jacksons Karriere wäre überhaupt nichts geworden. Nach einer Protestaktion auf dem Campus wird der bürgerrechtsbewegte Student wegen Freiheitsberaubung verurteilt und für zwei Jahre suspendiert. Außerdem wäre er um ein Haar während des Vietnamkriegs als Soldat eingezogen worden. „Meine Einberufungsnummer war die 14 – und die wurde nicht gezogen“, erinnert sich Jackson. „Aber viele Jungs in meinem Umfeld hatten nicht so viel Glück. Einer meiner Cousins verlor in Vietnam sogar sein Leben.“ Stattdessen übernimmt er 1972 seine erste Kinorolle in dem Blaxpoitation-Film „Together for Days“, steht für diverse Fernsehproduktionen vor der Kamera und versucht sich – zunächst in Atlanta, dann am Broadway in New York – am Theater. Drogen- und Alkoholprobleme kosten ihn allerdings manches Engagement, und noch in den achtziger Jahren muss sich Jackson überwiegend mit Kleinstjobs über Wasser halten: eine Mini-Rolle in „Der Prinz von Zamunda“ hier, drei Jahre als Lichtdouble bei der „Bill Cosby Show“ dort. Bis Spike Lee auf ihn aufmerksam wird und ihm Nebenrollen in „Do the right Thing“, „Mo’ better Blues“ und „Jungle Fever“ gibt. Mit Lees Unterstützung im Rücken und einer Entziehungskur hinter sich, wird in den neunziger Jahren endlich ein größeres Publikum auf Jackson aufmerksam, der damals längst mit seiner früheren Kommilitonin La Tanya Richardson verheiratet und Vater einer Tochter ist. Beim Festival in Cannes bekommt er für „Jungle Fever“ einen Preis, für Spielberg übernimmt er eine Rolle in „Jurassic Park“, und auch in „Die Stunde der Patrioten“ oder „Menace II Society“ ist er mit von der Partie. Und dann kommt es bei „True Romance“ zur folgenreichen Begegnung mit Quentin Tarantino. 

Die Rolle des Auftragskillers Jules in „Pulp Fiction“ schreibt der aufstrebende Kultregisseur Jackson auf den Leib – und sie macht ihn mit 44 Jahren über Nacht zum Star. Oscar-Nominierung (seine bis heute einzige!) inklusive. Mit Tarantino arbeitet er anschließend  immer wieder zusammen, sei es bei „Jackie Brown“ oder „Kill Bill“, „Django Unchained“ oder zuletzt „The Hateful Eight“. Doch längst wollen sich auch andere eine Scheibe von Jacksons Coolness abschneiden: George Lucas führt ihn als Mace Windu ins wiederbelebte „Star Wars“-Universum ein, er spielt in Kultfilmen wie „Tödliche Weihnachten“, „Unbreakable“ oder „Deep Blue Sea“ mit, und mit Filmen wie „Eve’s Bayou“ oder der Zeichentrickserie „Afro Samurai“ versucht sich Jackson immer wieder auch als Produzent. Seit gut zehn Jahren ist der erklärte Fan des Wortes „Motherfucker“ fester Bestandteil des Marvel-Universums. Nach seinem Einstand als S.H.I.E.L.D.-Chef Nick Fury in „Iron Man“ unterschrieb er einen Vertrag für neun weitere Filme; der nächste folgt im kommenden Jahr „Avengers: Infinity War“. Dass Jackson auch diese Rolle seinem Image als „King of Cool“ zu verdanken hat, versteht sich von selbst. Zumindest gestalteten die Zeichner der Comic-Reihe „Ultimate Avengers“ Fury nach seinem Antlitz, so lässig fanden sie den Schauspieler, lange bevor er die Rolle selbst übernahm. Doch nicht alles wird zu Gold, was der Ex-Veganer anfasst. Filme wie „Snakes on the Plane“ klangen auf dem Papier lässiger, als sie es im Kino dann waren, und etliche seiner zweitklassigeren Filme („Reasonable Doubt“, „Kite“, „Cell“, „Barely Lethal“) wurden überhaupt nur auf DVD veröffentlicht. Anders als dem Kollegen Nicolas Cage kann gelegentlicher Trash Jacksons coolem Image allerdings nicht das Geringste anhaben. Wie sollte er auch? Selbst seine Stimme ist schließlich längst so legendär und unverwechselbar, dass er damit Animationsfilme wie „Die Unglaublichen“ oder Dokumentationen wie „I am Not Your Negro“ ebenso veredelt wie Games wie „Grand Theft Auto: San Andreas“ – und Gott in Audiobuchversion des Neuen Testaments ebenso spricht wie den Erzähler des Buchs „Go the Fuck to Sleep“. Höchste Zeit also, mit dem Fußball-Fan beim Interview-Termin in New York ein paar Worte zu wechseln.

Mr. Jackson, in „The Killer’s Bodyguard“ spielen Sie einen der gefährlichsten Auftragskiller der Welt. So richtig unsympathisch ist der allerdings nicht, oder?

Naja, wir sprechen hier ja auch von einer Actionkomödie, nicht von einem ernstgemeinten Drama. Außerdem finde ich es immer wichtig, dass man als Zuschauer auch für solche Figuren etwas übrig hat. Gerade wenn ich besonders verachtenswerte Figuren spiele – so wie zum Beispiel damals in „Jackie Brown“, versuche ich denen auch irgendwie was Sympathisches abzugewinnen. So dass man zwar keinen Zweifel daran hat, dass man da ein echt gefährliches Arschloch vor sich hat. Aber sich trotzdem vorstellen kann, dass es ganz cool und lustig sein könnte, mit ihm abzuhängen.

Lustig geht es ja in „The Killer’s Bodyguard“ auf jeden Fall zu. In welcher Szene mussten Sie am meisten lachen?

Wenn man mit Ryan Reynolds dreht, passiert einem das natürlich öfter. Aber das absurdeste war vermutlich, mit einer Gruppe singender Nonnen in einem Bus zu sitzen. Die Szene mit Lionel Richies „Hello“ hat auch viel Spaß gemacht. Den Song hatte ich mir extra für den Film gewünscht – und deswegen sogar persönlich bei Lionel angerufen. Dass wir das Lied dann ausgerechnet für eine große Kneipenprügelei einsetzen, habe ich ihm natürlich nicht verraten.

Apropos Prügelei: Haben Sie eigentlich den Ehrgeiz, so viele Stunts wie möglich selber zu machen?

Wenn es nicht unbedingt sein muss, eigentlich nicht. Ich habe seit vielen Jahren meinen persönlichen Stuntman. Kiante Elam ist zwar jünger als ich, aber sieht mir einigermaßen ähnlich. Und er kommt aus einer echten Stuntfamilie. Sein Vater war einer der ersten schwarzen Stuntmen überhaupt, und seine Brüder sind nun auch in dem Business. Außer Kiante hatte ich dieses Mal auch noch einen Kerl namens Remy als Unterstützung, der all die Parkour-Sachen übernehmen konnte. Denn einen Salto kann ja nun wirklich niemand von mir verlangen.

In „The Killer’s Bodyguard“ ist Ryan Reynolds Ihr Beschützer. Haben Sie in echt auch einen ständigen Bodyguard?

Nur bei Bedarf. Die meiste Zeit kann ich gut darauf verzichten. Am meisten gebrauchen könnte ich einen Bodyguard eigentlich immer, wenn ich in Deutschland bin. Nirgends sind die Autogrammjäger aggressiver drauf.

Ist das schon das Brenzligste, was Sie bisher erlebt haben?

Richtig Schiss hatte ich, als ich das erste Mal nach Johannesburg kam. Das war kurz nach dem Ende der Apartheid – und damals ging es in Südafrika ein bisschen zu wie im Wilden Westen. Am Flughafen holten mich fünf Kerle mit einem kugelsicher gepanzerten Auto ab, die für meine Sicherheit zuständig sein sollten. Ihre erste Ansage war: Wenn wir versuchen, dich zu Boden zu werfen, leiste keinen Widerstand. What the fuck? Ich sollte doch eigentlich nur ein bisschen Pressearbeit machen und wusste plötzlich gar nicht mehr, wie mir geschieht.

Heute gelten Sie längst als „King of Cool“. Lebt es sich eigentlich gut als die personifizierte Coolness?

Ich will mich zumindest nicht beschweren. Im Laufe der Zeit habe ich mich an dieses Label gewöhnt. Und es gibt ja wahrlich schlimmere Images. In meinem eigenen Leben habe ich mich allerdings noch nie als sonderlich cool empfunden. Außer es ist cool, dass ich weiß, wer ich bin, was ich kann und kein Blatt vor den Mund nehme. Dieses Image ist aber eher einer jener Fälle, wo einen die Öffentlichkeit gleichsetzt mit den Rollen, die man spielt. Mich stört das aber, wie gesagt, nicht sonderlich, deswegen muss ich auch nicht auf Teufel komm raus dagegen ankämpfen.

Wann fing das denn eigentlich an, dass Sie als cool galten?

Das verdanke ich wohl in erster Linie Tarantinos „Pulp Fiction“ beziehungsweise meiner Rolle darin. Vorher war ich einfach nur einer von vielen Schauspielern. Aber dieser Jules Winnfield war nun einmal ein verdammt cooler Motherf**ker. Seine Körpersprache, sein Aussehen, sein Sätze – da entstand beim Publikum ein bestimmtes Bild. Und danach kamen noch ein paar weitere Filme, in denen ich lässige oder unerschütterliche Kerle gespielt habe, also hat sich das verfestigt.

Sind Sie nun auf diesen Typ Mann für immer festgelegt?

Eigentlich nicht, auch wenn man ihn mir vielleicht besonders oft anträgt; und ich spiele nicht ausschließlich Männer, die immer alles im Griff haben – durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind. Denken Sie an „The Champ“, da spiele ich einen Obdachlosen, der auf der Straße lebt. In „187 – Eine tödliche Zahl“ war ich damals einen Lehrer ohne das geringste bisschen Selbstbewusstsein, und in „Black Snake Moan“ ein alternder Gitarrist. Das sind eben nur nicht die Filme, mit denen mich die meisten Menschen assoziieren.

Viele dieser Filme hat kaum jemand gesehen, einige kamen gar nicht erst ins Kino, etliche waren auch nicht besonders gut. Warum lehnen Sie sich nicht entspannt zurück und picken sich nur die Rosinen unter den Angeboten heraus, sondern drehen lieber einen Film nach dem anderen?

Ich bin nun einmal Schauspieler, also muss ich doch auch schauspielen. Ein Maler steht doch auch morgens auf, um zu malen. Aus finanzieller Sicht könnte ich es mir ohne Frage leisten, weniger zu arbeiten. Aber in mir brennt auch nach all den Jahren noch die Leidenschaft für diesen Beruf – und die bleibt unbefriedigt, wenn ich nur zuhause sitze und die Füße hochlege. Wenn ich es mir aussuchen kann, möchte ich einfach jeden Tag meines Lebens kreativ sein, egal ob auf einer Broadway-Bühne oder vor einer Kamera.

Selbst wenn das bedeutet, dass Sie auch mit Regisseuren arbeiten müssen, die weit entfernt von der Klasse eines Tarantinos sind?

Sicher, das gehört doch dazu. Tarantino ist einmalig darin, Dialoge zu schreiben, die aus meinem Mund einfach großartig klingen. Davon werden Sie sich auch in seinem nächsten Film „Django Unchained“ wieder überzeugen können. Wir haben eine großartige Arbeitsbeziehung, die auf unserer gemeinsamen Liebe fürs Kino basiert. Aber weder würde es Sinn machen, mein Leben lang nur alle paar Jahre mit ihm zu drehen, noch kann ich von anderen Filmemachern erwartet, dass sie so sind wie er.

Aber es muss doch ziemlich mühsam sein, mit Regisseuren zu arbeiten, die nicht nur nicht wie Tarantino, sondern womöglich schlicht untalentiert sind, oder?

Um mal eine Sport-Metapher heranzuziehen: Mit einem guten Regisseur spielt man im Sturm, bei einem schlechten zieht man sich in die Verteidigung zurück. Und glauben Sie mir: ich habe schon mit vielen schlechten Regisseuren gearbeitet. In solchen Fällen wird man zum stillen Beobachter und zieht einfach sein Ding durch. Denn natürlich habe ich auch ohne Zutun des Regisseurs eine gewisse Vorstellung davon, wohin ich mit einer Rolle will. Da muss man dann einfach zusehen, dass man sich nicht durch die Unfähigkeit anderer von seinem Weg abbringen lässt.

Klingt fast, als würden Sie keinen Ihrer schlechteren Filme bereuen …

Das tue ich auch nicht. Ich fand meine eigene Leistung eigentlich noch immer gut, ganz egal, was ich mit dem Regisseur erlebt habe. Außerdem sehe ich jeden meiner Filme als Sprungbrett für etwas Neues, für das nächste Projekt an. Eines führt immer zum anderen. Deswegen trauere ich auch keinen Rollen hinterher, die ich nicht bekommen habe. Bestenfalls mache ich manchmal drei Kreuze, wenn ich einen richtig schlechten Film sehe, den ich um ein Haar gedreht hätte und es dann zum Glück doch nicht getan habe.

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